Häufig gestellte Fragen zur Neustrukturierung des Klinikums Landkreis Tuttlingen

Welche Veränderungen sind aktuell im Krankenhauswesen im Gange?

Das Gesundheitswesen ist neben einem wachsenden wirtschaftlichen Druck gekennzeichnet durch einen stetigen medizinischen Fortschritt mit einem starken Trend zur Spezialisierung der Medizin und der ärztlichen Aus- und Weiterbildung. Andererseits steigt die Anzahl vor allem älterer Patienten mit gleichzeitig auftretenden verschiedenen Krankheitsbildern. Dies führt zu einer Konzentration der Angebote unter einem Dach, um den Patienten eine umfassende Versorgung anbieten zu können. Verstärkt wird dieser Trend aktuell durch neu eingeführte verbindliche Qualitätsvorgaben, aber vor allem durch immer größere Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung, unter denen insbesondere die kleineren Häuser immer stärker leiden.

Wie sieht es bei uns im Landkreis aus?

Das Klinikum Landkreis Tuttlingen mit den beiden Standorten in Tuttlingen und Spaichingen hat in den letzten Jahren – von einer Ausnahme abgesehen –  immer mit roten Zahlen abgeschlossen, allerdings in einer Dimension, die der Kreistag nach wie vor im Interesse der Gesundheitsversorgung für akzeptabel hält. Die Wirtschaftlichkeit wird aber eine Dauerherausforderung bleiben. Schwerer treffen uns die seit dem 1.1.2019 geltenden Qualitätsvorgaben für die gestufte Notfallversorgung, die wir zwar am Standort Tuttlingen, aber eben nicht in Spaichingen erfüllen. Wir dürfen dort im Regelfall keine Notfälle mehr behandeln, was sich auf die Patientenzahlen auswirken wird. Unsere größte Sorge aktuell ist aber die Personalgewinnung. Bereits heute müssen wir Honorarkräfte einsetzen, um alle Dienste abdecken zu können. Auch bei uns sind deshalb Veränderungen an den Strukturen notwendig. Im Hinblick auf die gesamten allgemeinen Veränderungen müssen wir den Standort Tuttlingen dauerhaft stärken und sichern. Wir sind davon überzeugt, dass es notwendig ist, die Akutmedizin unter einem Dach in Tuttlingen zu konzentrieren, aber dennoch am Standort Spaichingen medizinische Versorgung anzubieten.

Wieso müssen diese Veränderungen jetzt und so schnell kommen?

Ursprünglich war geplant, die Diskussion über die künftige Ausrichtung im Jahr 2020 in aller Ruhe anzugehen. Die überraschende Kündigung des designierten Chefarztes in Spaichingen zwingt uns nun aber zu schnelleren Entscheidungen. Die getroffene Übergangslösung für 2019 gilt längstens bis Jahresende. Sie führt zudem aufgrund der reduzierten Beschäftigung bereits heute zu einer Einschränkung der Versorgung. Wenn wir durch entsprechende Entscheidungen nicht schnell Sicherheit und klare Perspektiven für die Beschäftigten schaffen, haben wir die große Sorge, dass sich Ärzte und Pflegepersonal, die heute auf dem regionalen Arbeitsmarkt umworben sind, verändern und damit das heutige Versorgungsangebot nicht wie bisher gewohnt gehalten werden kann.

Warum findet man für Spaichingen in der heutigen Struktur keinen Chefarzt mehr?

Die erfolglose externe Chefarzt-Suche scheitert nicht am Geld. Potenzielle Kandidat/innen bemängelten vor allem die fehlende Perspektive in einem kleinen Haus. Aufgrund der Spezialisierung der Ärzte wird von vielen Kandidaten gesagt, dass sie in einem Haus mit verschiedenen Fachabteilungen arbeiten wollen, weil dies medizinisch und damit auch für die Versorgung der Patienten die richtige Lösung

 

Wird der Klinikstandort Spaichingen komplett geschlossen?

Nein. Bei der geplanten Neustrukturierung geht es vielmehr darum, die Abteilungen der Inneren Medizin und der Altersmedizin am Standort Tuttlingen zusammenzuführen und gleichzeitig die ambulante Versorgung am Standort Spaichingen auszubauen. Am Standort Spaichingen verbleiben mit einer gemeinsamen Bettenstation die Konservative Orthopädie, die Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, das Zentrum für Ambulantes Operieren, die Diabetologische Tagesklinik, das MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum, Einrichtung zur ambulanten medizinischen Versorgung) mit Orthopädisch-Chirurgischer Praxis, Frauenarztpraxis und Diabetologischer Praxis sowie die weiteren Praxen (Hautarzt, Schlaflabor, Augenarzt). Darüberhinaus soll in einem Gutachten untersucht werden, ob neben einem weiteren Ausbau der ambulanten Versorgung auch ein Teil der internistischen Betten erhalten werden kann und welche Optionen auch im Bereich der pflegerischen Versorgung möglich

 

Welche Vorteile bringt die neue Struktur?

Die Innere Medizin soll in eine kardiologische und eine gastroenterologische Abteilung mit jeweils einem eigenen Chefarzt an einem Standort aufgeteilt werden. Wir folgen damit dem Trend der Spezialisierung und glauben, dass wir für diese neuen Abteilungen leichter Ärzte finden werden. Dies ist auch deshalb eine wichtige strategische Entscheidung, weil in absehbarer Zeit auch in Tuttlingen Führungspositionen besetzt werden müssen.

Für die Patienten hat die Zusammenführung den großen Vorteil, dass sie ein umfassendes Versorgungsangebot mit allen Hintergrundfunktionen (Diagnostik wie CT (Computertomographie), MRT (Magnetresonanztomographie), Intensivstation) unter einem Dach vorfinden. Die Qualität der Versorgung wird damit verbessert.

Was passiert mit den Mitarbeitern?

Betriebsbedingte Kündigungen wird es durch die Strukturveränderungen der Klinikstandorte nicht geben. Es ist vorgesehen, dass Abteilungen gemeinsam umziehen und bestehende, funktionierende Teams zusammenbleiben können.

Warum gelingt es in anderen Landkreisen, mehrere kleine Klinikstandorte zu halten?

Grundsätzlich hat jeder Landkreis seine eigene Ausgangssituation und Besonderheiten wie z.B. Entfernungen zu anderen Klinikstandorten. Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen sind wir kein Einzelfall. In zahlreichen anderen Landkreisen im Land Baden-Württemberg hat bereits eine Zentralisierung und der Ausbau von starken Klinikstandorten stattgefunden oder solche Prozesse sind

 

Wie soll in Zukunft die Notfallversorgung für Spaichingen und den nördlichen Landkreis aussehen?

An der Notarztversorgung wird sich für die betroffenen Menschen nichts ändern. Der Notarzt mit Rettungswache bleibt in Spaichingen. Er wird deshalb genauso wie heute zur Stelle sein, wenn er gebraucht wird. Wie bisher wird je nach Krankheitsbild das dafür geeignete Haus angefahren, soweit es zur Aufnahme bereit ist. Er wird allerdings künftig aufgrund der neuen Vorgaben noch seltener, als es bereits heute der Fall ist, Spaichingen anfahren dürfen.

Die Notfallversorgung ist künftig wie heute schon tagsüber über das MVZ gewährleistet. Die Notaufnahme kann bereits heute nur ein eingeschränktes Spektrum leisten. Mit dem Ausbau der Gastroenterologie in Tuttlingen wird die gastroenterologische Notfallversorgung dort erfolgen. Ziel ist es, die Notfallversorgung im MVZ um einen internistischen und einen allgemeinmedizinischen Bereich zu erweitern.

Was passiert künftig mit dem Schwerpunkt Diabetologie?

Uns ist wichtig, die Diabetologie als Schwerpunkt und Alleinstellungsmerkmal für unser Haus weiterhin anbieten zu können. Und zwar wie bisher mit stationären Betten, der Tagesklinik und als ambulante Versorgung. Wie genau dies aussehen kann, soll in einem Gutachten geprüft werden.

Wie sind die Chancen, dass Ärzte gefunden werden, die sich frei oder im MVZ dort niederlassen?

Die größte Herausforderung für Spaichingen und den nördlichen Landkreis ist die ambulante Versorgung. Die Zahl der Haus- und Fachärzte wird absehbar stark abnehmen. Bereits heute sind 16 von 20 Gemeinden im nördlichen Landkreis nach den neuen Förderrichtlinien des Landes akutes beziehungsweise perspektivisch akutes Fördergebiet. Ausgehend von der tatsächlichen Situation und Bedarfslage vor Ort will der Landkreis in Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten, den Kostenträgern, der Kassenärztlichen Vereinigung und den Gemeinden die ambulante Versorgung durch den Ausbau des MVZs und durch weitere Praxen stärken.

Die Erfahrungen zeigen, dass die junge Generation der Mediziner neben attraktiven Arbeitszeitmodellen ein Angestelltenverhältnis und die Verteilung der Verantwortung auf mehrere Köpfe z.B. in Gemeinschaftspraxen bevorzugt. Darüber hinaus bildet das Klinikum Allgemeinmediziner selbst aus. Deshalb trauen wir uns zu, Ärzte für das MVZ zu gewinnen.

Könnte die Altersmedizin in Spaichingen verbleiben oder sogar ausgebaut werden?

Die Ärzte der Inneren Medizin erbringen die Nacht- und Wochenenddienste für die Altersmedizin. Wenn die Innere nach Tuttlingen verlagert wird, können diese Dienste vor Ort nicht mehr geleistet werden. Diese beiden Fachbereiche hängen zusammen.

Darüber hinaus stellt dies für die Patienten die bessere Lösung dar. 2018 kamen 78 % der Patienten in der Altersmedizin aus dem Krankenhaus Tuttlingen, wo sie zuvor akut versorgt wurden. Wenn während der Zeit in Spaichingen neue Untersuchungen notwendig werden (z. B. CT, MRT), müssen diese wieder nach Tuttlingen hin und zurück gefahren werden. Diese Verlegungen zu vermeiden und unter einem Dach alles Notwendige vorzuhalten, ist aus Sicht der Patienten die beste Lösung. Zudem können in Tuttlingen auch Patienten, die aufgrund ihres Krankheitszustands noch nicht verlegt werden können, früher als bisher von den Leistungen der Altersmedizin profitieren.

Für die Akut-Geriatrie gelten zudem ab dem 1. Januar 2019 die neu eingeführten Personaluntergrenzen. Gerade kurzfristige Ausfälle sind bei der dünnen Personaldecke in Spaichingen im Grunde nicht oder nur mit äußersten Mühen auszugleichen. Dies lässt sich an einem größeren Haus wesentlich leichter und besser organisieren

Wie soll das Thema Parken / Verkehr am Standort Tuttlingen künftig aussehen?

Die Parkplatz- und Verkehrssituation muss in enger Abstimmung mit der Stadt Tuttlingen im Rahmen der Möglichkeiten optimiert werden. Die Gespräche mit der Stadt sind bereits angelaufen. Wir haben die Möglichkeit auf eigenem Gelände zusätzliche Parkplätze anzulegen und in diesem Zusammenhang auch die Zufahrt zu

 

Kann das Klinikum Tuttlingen die Spaichinger Betten problemlos aufnehmen?

Für eine Übergangszeit können Modulbauten genutzt werden, die nach dem Abschluss der laufenden Sanierungsmaßnahmen frei werden. Insofern gibt es für die Verlegung der vorgeschlagenen Abteilungen ausreichend Platz. Die Planung und der Bau eines weiteren Bettenhauses soll umgehend angegangen werden.

Wie sehen Kreisverwaltung und Klinikgeschäftsführung die künftige Gesundheitsversorgung im Landkreis?

Wir sehen uns in der Verantwortung für den gesamten Landkreis und müssen

deshalb auch das Klinikum als Ganzes im Blick haben. Bei den aktuellen Veränderungen im Gesundheitswesen und den weiter zu erwartenden steigenden Qualitätsanforderungen steht außer Frage, dass die heutige Ausrichtung unserer beiden Standorte nicht so bleiben kann. Wir müssen Veränderungen vornehmen, wenn wir unsere Zukunftsfähigkeit sichern wollen.

Gerade auch mit Blick auf die Personalgewinnung sehen wir dazu die Verlagerung

der Akutmedizin an den größeren Standort Tuttlingen für zwingend an, um dort durch

eine Konzentration der Angebote nicht nur dem Anspruch der Patienten gerecht werden zu können, sondern vor allem auch ein starkes Haus der Grund- und Regelversorgung zu schaffen. Davon wird der gesamte Landkreis profitieren.

Der Landkreis wird auch künftig in Spaichingen für den nördlichen Landkreis

Gesundheitsversorgung anbieten. Als Gesundheitszentrum in einer anderen Ausrichtung als heute wird der Standort eine Zukunft haben und soll vor allem im ambulanten Bereich eine deutliche Stärkung erfahren.